Samarathon 2020 – Etappenrennen in Israel – Teil 2

Tag 3, 21.02.2020

Warmup für das Mountainbikerennen

Marathon 70,5 Kilometer 1100 Höhenmeter

Die Nacht war kurz! Neben dem Bier hatte Svenja noch etwas Tee getrunken. Dieser wurde als „Kräutertee“ angepriesen, aber er entpuppte sich als gesüßter Schwarztee – dementsprechend müde kroch Svenja aus dem Schlafsack.  
Das Frühstück musste schnell gehen, denn heute stand das Point-to-Point Rennen vom Kibbuz Ketura zum Timna Park auf dem Programm. Wir wurden um halb sieben von einem Reisebus zum Kibbuz (eine Art Genossenschaftsbauernhof) gebracht. Dort wurde noch ein bisschen Kaffee getrunken, die letzten Datteln eingepackt und dann ging es auch schon auf staubiger Straße los.  

Dieser Marathon klingt auf dem Papier durchaus flach, aber glaub mir, das täuscht! Die losen großen Steine machten mir den zwei Kilometer langen Anstieg mit mehr als 20% Steigung zur Hölle. Und so endete dieser nicht enden wollende Berg in einer Mischung aus Laufen, fahren und fluchen.

Samarathon 4 Tages Etappenrennen

Svenja: Die überambitionierten Rentnerfahrer machten uns das Leben zu Beginn ganzschön schwer und quetschen sich in die erste Gruppe, die allerdings noch durch ein Fahrzeug langsam gehalten wurde. Zum Einrollen ging es über einen breiten Feldweg, der einem die Lungen mit Staub versüßte. Dann kam der gefürchtete Berg: Es ging 6 km über eine Geröllhalde bergauf, wobei die letzten zwei Kilometer geschoben werden mussten – einfach unfahrbar. Es wurde durch die vielen (langsamen) Mitfahrer nicht unbedingt einfacher und dank der israelischen Nicht-Schulterblickmentalität durch die ein andere Fahrer einfach stehenblieb, hatte ich mir den Ellenbogen bei einem kleinen Sturz aufgeschürft. Im oberen Drittel gab es das Segment King oft he Mountain besser bekannt von Strava als KOM, bei dem die 120 Sekundenregel aufgehoben wurde und jeder auf den KOM bzw. auf eine Brille von Oakly fahren konnte.

An diesem Punkt mit erst 10 Kilometern auf dem Tacho war mir klar, dass dieser Tag 110% abverlangen wird. Nach zwei Jahren Kampf mit dem Eppstein-Barr-Virus – und dadurch fast keinem Training – ist mein momentaner Fitnesszustand einfach schlecht.

Meine einzige Chance, diesen Tag zu meistern, war die Hilfe von Kerstin Kögler, meiner Technik- und Mentaltrainerin. An diesem Punkt war in meinem Kopf absolutes Chaos. Auf der einen Seite wusste ich, ich bin nicht in der Lage, diese Etappe innerhalb der Zeit zu fahren. Auf der anderen Seite war es ein Team-Rennen und ich wollte auf keinen Fall Svenja aus der Wertung werfen.

Vor zwei Wochen habe ich Kerstin Kögler besucht und einen Workshop absolviert. Dabei ging es um mentale Stärke für die neue Saison.

Bis zum Samarathon war mir überhaupt nicht klar, welch entscheidende Rolle dieser Workshop für mich spielen wird, denn ohne den Workshop hätte ich diesen Tag niemals meistern können!

In diesem Workshop ging Kerstin sehr persönlich auf mich und meine Teamkollegin Ulli ein. Kerstin gab uns verschiedene Techniken an die Hand, um unsere mentale Stärke zu finden und auch richtig im Rennen einzusetzen.

Durch diese verschiedenen Techniken war ich wirklich in der Lage, meinen Kopf zu kontrollieren und meine Gedanken wurden positiv.

Der Tag war härter als jeder Tag jemals zuvor. Die technischen Herausforderungen der Strecke. Die steilen Laufpassagen. Und meine körperliche vollkommene Erschöpfung.

Svenja hat mich unterstützt, mich mit allen Mitteln zu motivieren, und wir schafften es tatsächlich, den Marathon zu Ende zu bringen. Sicher war die Zeit alles andere als gut, aber ich war unglaublich stolz, diesen extremen Tag durchgezogen zu haben. Direkt nach dem Rennen habe ich mir erst einmal Zeit für mich genommen und den Tag verarbeitet. Ich wollte mit der Enttäuschung über die schlechte Zeit, aber auch den Sieg über den Kopf erst einmal klarkommen und die Gedanken sortieren.

Schlussendlich war ich zufrieden mit dem Tag. Ich kann an der Krankheit nichts ändern, aber ich kann etwas an der Einstellung ändern. Die Fitness kommt durch das Training wieder von selbst. Und was kann es hierfür besseres geben als den Samarathon?

Svenja: Heute strahlte die Sonne, wie im Sommer. Es kam richtiges Sommerfeeling auf, wer wollte genoss im Ziel sein Bier oder eben eine der leckeren Suppen. Wem ein Bier zu wenig Entspannung bot, der konnte noch eine Runde Bikeyoga einschieben. Dies war für mich eine tolle Sache. Unter einem Zelt versammelten wir uns und ein ehemaliger Radrennfahrer gab eine Yogasession, die exakt auf die Bedürfnisse nach einem solchen Rennen zugeschnitten war. Alles in allem war die Stimmung wieder super!  
Abends wurde auch am Shabbatessen wieder nicht gespart, es wurde sogar an das shabbattypische Brot gedacht, dass dem christlichen Abendmahl brauch ähnelt, gedacht. 

Tag 4, 22.02.2020

52 Kilometer, 880 Höhenmeter

Da wir den dritten Tag hinsichtlich der Regeneration sehr ernst genommen hatten, waren die Beine am vierten Tag wieder deutlich besser. Nach dem Marathon wurde direkt gegessen, gedehnt und entspannt.

Mental gestärkt vom dritten Tag wollten wir heute noch einmal alles geben, um das Etappenrennen sauber abzuschließen. Nach dieser Qual des Vortags war mir das Finishen wichtiger als jemals zuvor!

Der heutige Rundkurs sollte mir entgegen kommen. Wie immer fast nur Trails, aber keine steilen Anstiege. Deshalb freute ich mich riesig auf diesen Renntag. Gestartet wurde auf einer Runde rund um den Timna Park. Diese Startrunde von 17 Kilometern führte durch einen sehr flachen aber wunderschönen Teil des Timna Parks, umrandet von einem Felsenmeer.

Nach den ersten Höhenmetern, bei denen die Israelis attackierten wie verrückt, standen zwei Straßenstücke auf dem Plan. Wir nutzen dies aus, packten noch zwei andere Frauen mit in den Windschatten und überholten viele andere Fahrer. Nach dem zweiten Straßenstück gab es wieder eine Brille zu gewinnen. Diesmal war es nur ein kurzer und knackiger Anstieg, aber es waren wieder zu viele Menschen auf der Strecke, um diesen Teil gut durchfahren zu können. Svenja hat es versucht und hatte den höchsten Puls der vergangenen Tage. Ich kam auch schon bald hinterher und wir ließen es laufen zurück zum Timnapark.

Die ersten 17 Kilometer liefen deutlich besser als die ersten drei Tage. Der Körper schien sich langsam wieder an die Radrennen zu erinnern. Darüber freute ich mich wirklich riesig. Leider hielt diese Freude nicht lange. Denn nur wenige Minuten später handelte sich Svenja aufgrund eines Fahrfehlers von uns beiden einen Plattfuß ein. Schnell versuchten wir, den Riss im Mantel zu flicken, doch das Loch war viel zu groß. Mit zwei Schläuchen und bereits 30 Minuten extra auf dem Zeitkonto, aber einem immer noch platten Reifen, beschlossen wir, weiter zu fahren. 10 Kilometer bis zur ersten Verpflegung, das schaffen wir. Svenja quälte sich unglaublich, um mit dem luftlosen Reifen ans Ziel zu kommen.

Das Ziel war aber leider nicht, was wir uns erhofft hatten, sondern „lediglich“ eine Verpflegungsstation ohne technische Unterstützung. Das Zeitlimit kam uns immer näher. Noch eine Stunde bis zur zweiten Verpflegung und wir würden aus dem Rennen genommen werden. 13 Kilometer in einer Stunde, durch die Wüste und mit Plattfuß. Nahezu unmöglich. Aber aufgeben war keine Option. Jetzt erst recht!

Diese Etappe war landschaftlich mein absolutes Highlight. Durch den extra Adrenalinschub aufgrund des immer näher rückenden Zeitlimits konnte ich sie jedoch einfach nicht genießen. Und durch die voranschreitende Zeit wurde der Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Aufgeben war dennoch keine Option! 1,5 Kilometer vor der Station beschloss ich, vor zu fahren und zu schauen, ob wir es noch schaffen können.

An der Station angekommen, wurde ich direkt seitens des Komissärs erwartet, welcher mir mitteilte, wir haben noch 50 Sekunden! Falls Svenja nicht kommt, sind wir ausgeschieden. In diesem Moment überkam mich komplett die Erschöpfung und die gesamten Emotionen der letzten Tage, ich begann wirklich zu weinen. 30 Sekunden waren noch auf der Uhr zu sehen und keine Svenja in Sicht.

Gerade als ich aufgeben wollte, kam Svenja in Sichtweite hinter einem Felsen hervor und ich begann, sie anzuschreien was das Zeug hielt. Svenja erkannte, dass wir noch eine Chance hatten und legte mit dem Plattfuß durch den Sand einen Sprint hin.

Direkt nach der Einfahrt entriss ihr Shimano Israel in der Technikzone ihr Fahrrad und wechselte in Rekordzeit den Mantel, packte einen Schlauch in den Reifen. Als kleine Anmerkung: Alle fieberten so mit uns mit, als würde es um den Sieg gehen. Diese Emotionen werde ich nie mehr vergessen. Das Material wurde von den Veranstaltern übernommen und gehörte zum Service des Samarathon 😉 So etwas habe ich noch nie erlebt!

Nach dem Wechsel des Reifens ging es auf die letzten elf Kilometer des Rennens und wir versuchten, noch so viele Fahrer als möglich einzusammeln. Diese letzten Kilometer des Rennens genossen wir dann ganz besonders.

Die vier Tage des Etappenrennens verlangten wirklich alles von uns und dem Material ab. Die Tage waren wie ein Krimi und es lief sicher nicht wie erwartet. Aber das Gefühl, nach vier Tagen im Ziel zu sein, war unbeschreiblich!

Fakten über den Samarathon:

–          Entscheide selbst, ob du 2 oder 4 Tage fahren möchtest

–          Im Team oder bei 2 Tagen auch allein

–          Unterkunft und wunderbare Vollverpflegung mit Getränken sind mit im Preis

–          Das Wetter im Februar ist wunderbar, zwischen 20 und 25 Grad

–          Flüge sind am besten nach Eillat oder Tel Aviv

–          Ein Mechaniker steht kostenlos jeden Tag für alle Fahrer zur Verfügung

–          Das Team versucht, alles möglich zu machen =)

Der Spirit des Samarathon ist unbeschreiblich Samarathon 2021, wir kommen wieder! Vom 17. -21. Februar findet das Rennen im nächsten Jahr statt und ich würde mich sehr freuen, auch dich dort zu treffen =)

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